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Weinflasche von Nikolaus Epp

Interview mit Lisa Zalud, 16.06.2016

"Oft fiel schon Schnee, die Welt schien heil, und es war wirklich Weihnachten."
"Oft fiel schon Schnee, die Welt schien heil, und es war wirklich Weihnachten."
Eine dekorativ verpackte Flasche ist zu sehen, umhüllt mit grauem Papier und verschlossen mit einem grünem Zweig sowie einem goldenen Band. An der Verpackung hängt eine kleine, verschnörkelte Geschenkekarte. Der Hintergrund ist unscharf, wodurch der Fokus auf dem Geschenk liegt.

Die Weinflasche steht für Nikolaus Epp für einen Brauch, der in den späten 1950er-Jahren in Wien praktiziert wurde. Damals gab es noch wenige Autos, und die Kreuzungen wurden nicht durch automatische Ampeln, sondern von den Handzeichen der Verkehrspolizisten reguliert. Die wenigen Autofahrer fuhren meist täglich die gleiche Route und so wurden sie einander bekannt. Die Familie von Nikolaus Epp wohnte zu dieser Zeit beim Stadtpark. Als sein Vater 1955 sein erstes Auto bekam, fuhr auch er damit täglich zu seiner Arbeitsstätte, dem Volkstheater. An jeder Kreuzung stand täglich derselbe Polizist, und mit der Zeit kannte er sie.

Zu Weihnachten gab es den Brauch, dass die Polizisten als Zeichen der Verbundenheit von den Autofahrern eine Flasche Wein bekamen. So war der Abend vor dem Heiligen Abend für Nikolaus Epp ein zusätzliches Fest, denn die Kinder durften die Weinflaschen in Seidenpapier einpacken und mit einem Kärtchen und einem Tannenzweig versehen. Am Morgen des Heiligen Abends durften sie dann mit dem Vater mitfahren und bei jeder Kreuzung "ihrem" Polizisten eine Flasche überreichen, der sich dann bedankte und die Flasche sorgfältig in einen großen Korb am Straßenrand legte, wo sich schon viele Flaschen ansammelten.

Diesen Brauch lebten sie von ca. 1955-1961. Dann wurden die Verkehrspolizisten von Ampeln ersetzt. Diese Geschichte ist für Nikolaus Epp eingebettet in die Aufbruchsstimmung der späten 50er-Jahre und steht für die "Gutmütigkeit und Naivität" dieser Zeit. "Eine Zeit, die geglaubt hat, es geht jetzt positiv aufwärts." Obwohl relative Armut herrschte, war es für ihn eine "optimistische Zeit", die er sehr positiv erlebt hat, aber bei weitem nicht so "bunt" wie heute.

 

Über den Autor...Lisa Zalud studierte Kultur- und Sozialanthropologie, Soziale Arbeit und Fotografie in Wien.

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