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Kopf- und Schultertuch

bakhnūg

um 1900 | Renate Anna Menzel

Der bakhnūg ist ein rechteckiges, etwa 200 x 100 cm großes, aus Wolle hergestelltes Kopf- und Schultertuch der Mädchen und Frauen von „nüchternem Dekor“ (zwei bis drei schmale Linien am Rand, eine kleine individuelle Stickerei an einer Ecke, ein Fisch, ein Stern, ein Strich) oder mit ganzflächig eingewebten linearen und geometrischen Motiven (gerade, diagonale oder Zickzack-Linien, Punkte, Winkel, Dreiecke und Rhomben ‑ unendlich miteinander kombinierbar). Neben der Verhüllung vor fremden Blicken diente der bakhnūg im Winter oder in kalten Nächten zum Schutz. Im bäuerlich-nomadischen Milieu der Berber Zentral- und Südtunesiens entwickelte jede Region, jede Abstammungsgemeinschaft, jedes Dorf sein eigenes ethnisches und magisch-religiöses Musterrepertoire, welches über die Generationen weitervererbt wurde.

 

Die Anfertigung eines bakhnūg erfolgte im Hausfleiß ausschließlich für den persönlichen Gebrauch und konnte sich zwei bis drei Jahre hinziehen: Kardieren der Wolle, Spinnen, Aufstellen des vertikalen Griff-Webstuhls, Weben sowie das von keinerlei Farbnuancierung geleitete Integrieren der Muster mit einem weißen Baumwollzwirn auf weißem Schafwollgrund: all dies wurde von ein und derselben Frau besorgt. Einmal fertig wurde ganz allgemein der bakhnūg weiß (für ein junges Mädchen) belassen oder karminrot (für eine Braut oder jungverheiratete Frauen), indigo oder schwarz (für ältere Frauen) eingefärbt, wobei lediglich die Schafwolle die Farbe aufnahm und sich die filigranen Baumwollmotive (mangūsh) klar und deutlich vom eingefärbten Grund abhoben.

 

Der bakhnūg gilt als das „Meisterstück“ der Berber-Frauen Tunesiens. Sichtbarer Beleg ihres technologischen Könnens und zugleich, über die symbolischen Motive, ihrer Erwartungen und ihrer Vorstellung vom Leben, lässt sich ein bakhnūg als Buch ansehen, dem die illiterate Weberin all das anvertraute, was in ihren Augen bedeutsam schien. Aus dem von der Gemeinschaft sanktionierten Repertoire wählte sie jene ikonographischen Elemente heraus, um, ihren Fähigkeiten und Vorlieben entsprechend, „spontan“ oder sich auf Details verlegend, in einer hermetischen, in sich geschlossenen Sprache, ihrer Vision vom Gewebe der Dinge im Kosmos Ausdruck zu verleihen.

Sammler/in:
Renate Anna Menzel

Zeit:
um 1900

Objektbezeichnung
Kopf- und Schultertuch

Material/Technik:
Wolle, Baumwolle, Pigment

Maße:
L. 163 cm, B. 100 cm

Bildrecht
Weltmuseum Wien

Inv. Nr.
179763

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