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Nordafrika, West- und Zentralasien, Sibirien

Die Abteilung Nordafrika, Vorder-, Zentralasien und Sibirien des Weltmuseums Wien zählt mit ihren knapp 25.000 Inventarnummern zu den international bedeutenden Sammlungen zur Alltags- und Sachkultur des betreffenden Großraumes.

Zwei kunstvoll verzierte Vasen stehen nebeneinander. Die linke Vase hat geschwungene kalligraphische Muster in Gold und Blau, während die rechte Vase mit geometrischen und floralem Design in ähnlichen Farben geschmückt ist. Beide Vasen haben einen breiten Hals und eine geschwungene Form.

Über die Sammlung

Die Zielsetzungen, die in den vergangenen Jahrzehnten die Sammelstrategie in dieser Abteilung bestimmten, spiegeln sich in den einzelnen Sammlungsbereichen wider.

Zum einen galt es in der zweiten Hälfte des 20. Jhs. systematisch und punktuell orientalisches Handwerk und Kunstgewerbe im Wandel der Zeit zu dokumentieren, zum anderen die symbolischen Formen, in denen die Volksfrömmigkeit der vier großen monotheistischen Religionen im Nahen und Mittleren Osten (Zarathustrismus, Judentum, Christentum, Islam) ihren Ausdruck findet, zu erfassen. Dieser Ansatz brachte es mit sich, dass wenige Objekte, falls überhaupt, als „Kunstwerke“ dokumentiert oder gesammelt wurden, sondern vielmehr eingebettet in ihrem historischen, sozioökonomischen und kulturellen Kontext studiert und erworben wurden. Die mittlerweile großteils historischen Sammlungen umfassen die Alltagskultur im Maghreb, Ägypten, Anatolien, Iran und Afghanistan im 19. und 20. Jh. sowie die materielle Kultur der sogenannten „kleinen Völker“ in Russisch-Fernost um 1900.

Forschungsprojekte der Sammlung

Publikationen

Verhüllt, enthüllt! Das Kopftuch
Ausstellungskatalog 2018 Verhüllt, enthüllt! Das Kopftuch
Verhüllt, enthüllt! Das Kopftuch
Ausstellungskatalog 2018 Verhüllt, enthüllt! Das Kopftuch
Straps and Bands
Ausstellungskatalog 2008 Straps and Bands

Kontakt

Dr. Tobias Mörike
Kurator
+43 1 534 30- 5030
tobias.moerike@weltmuseumwien.at

Die Geschichte der Sammlung

Die ältesten Zugänge der Abteilung datieren aus dem Jahr 1804. Dieser kleine Grundstock wurde gleich zu Beginn des 19. Jhs. durch die Sammeltätigkeit von Forschern und Amateurethnologen wie Karl Alexander Anselm von Hügel (1795-1870), der auf seiner Weltreise 1831-1836 auch in Syrien, Südjemen und dem Iran zahlreiche Ethnographica sammelte, sukzessive erweitert. 1880 bzw. 1881 wurden der Anthropologisch-ethnographischen Abteilung des k. k. Naturhistorischen Hofmuseums auch Teile der berühmten Ambraser Sammlung, darunter einige Gegenstände aus Nubien, die im Jahre 1804 von Filippo Agnello vor Ort gesammelt worden waren, sowie Sammlungen anderer Mitglieder des Hauses Habsburg zugeordnet, unter denen sich ethnographische Objekte von außergewöhnlichem Wert aus dem islamischen Raum befanden. Zwischen 1881 und 1891 führte Franz Heger (1853-1931), ab 1884 Leiter der Anthropologisch-ethnographischen Abteilung, mehrere Sammelreisen durch, die ihn nach Russland, Georgien und in das heutige Usbekistan führten. Zwischen 1884 und 1892 brachte Josef Troll (1844-1919), ein Vertreter des Wiener Großbürgertums, von seinen vier ausgedehnten Asienreisen allein über 1100 ethnographische Gegenstände aus der Türkei, Syrien, Iran, Irak, Usbekistan und Südsibirien mit, die ihren Weg in die Orient-Bestände fanden.

Zwischen 1881 und 1911 wurde der Großteil der Nordeurasien-Sammlung erworben. Neben einer kleinen Saami-Sammlung findet sich eine umfangreiche, von dem deutsch-russischen Unternehmer Adolph Traugott Dattan bzw. Adolf Wasiljewitsch Dattan (1854-1924) gespendete Sibirien-Sammlung, die auf anschauliche Weise Alltagskultur, Wirtschaft sowie Ritual und Religion der sogenannten „kleinen Völker“ in Russisch-Fernost dokumentiert.

Eine gezielte wissenschaftliche Sammel- und Dokumentationstätigkeit setzte erst im Jahre 1902 ein, als Wilhelm Hein (1861-1903) gemeinsam mit seiner Frau Marie in Qishn, Südjemen, bei den Mahra seine ethnographischen und linguistischen Forschungen betrieb. Dank dieser Mahra-Sammlung vermag das Weltmuseum Wien heute als weltweit einziges Museum den materiellen Bestand dieser in ihrer Schlichtheit doch so vielfältigen und kulturhistorisch einzigartigen Kultur geschlossen zu dokumentieren.

Als im Jahr 1927 die Ethnographische Abteilung aus dem Verband des Naturhistorischen Museums in Wien ausgeschieden und als eigenständiges Museum für Völkerkunde im Ringstraßenflügel der Neuen Burg untergebracht wurde, gehörte Nordafrika zu den wenig bis kaum dokumentierten Regionen, obschon es frühe Erwerbungen gab, wie Fayencen aus Marokko, Keramiken der Kabylen Nordalgeriens, gold- und silberdurchwirkte Textilien aus Tunesien oder Keramikerzeugnisse aus Oberägypten, Pfeifenköpfe und allerlei Hohlgefäße, in einem historistisch-ägyptischen Mischstil aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. In den 1930er Jahren begannen die Ethnologen Julia Humann-Wagner-Jauregg und Ludwig Gustav Alois Zöhrer aus dem Nichts mit dem Aufbau einer kleinen Tuareg-Sammlung, die 1981 durch die Ethnologin und Kunsthistorikerin Gertraud Bogner mit Geräten zur Metallbearbeitung sowie Amuletten und Schmuck erweitert wurde. Ein systematischer Aufbau der Sammlung zur Populärkultur Ägyptens setzte erst 1973 aufgrund der Zusammenarbeit zwischen dem Ethnologen und Schmuckfachmann Peter W. Schienerl (1940-2001) und dem damaligen Leiter der Abteilung Alfred Janata (1933-1993) ein. Abgesehen von ethnographischen Gegenständen, die von Händlern und Handwerkern in Kairo und anderen Orten in Ägypten gekauft oder im Zuge von Feldforschungen in den Oasen Siwa, Fayyum, Bahriyya und der Halbinsel Sinai gesammelt worden waren, gelangten auch islamische, jüdische und koptische Religiosa in die Sammlung. Die Siwa-Sammlung wurde Ende der 1980er Jahre durch die Beiträge der Schweizer Sammlerin Bettina Leopoldo abgerundet.

1979 begannen unter der Leitung des damaligen Universitätsassistenten Josef Salat (1947-1985) Studenten vom Institut für Völkerkunde an der Universität Wien mit dem Aufbau einer Sammlung zu türkischem Handwerk. Zeitgleich dokumentierten, großteils im Auftrag des Museums für Völkerkunde, Werner Finke und Markus De Zordo über mehrere Jahre hinweg das traditionelle Handwerk in der Region um Istanbul, die Populärkultur Anatoliens einschließlich der materiellen Kultur der Kurden Ostanatoliens und der Yörük-Nomaden.

Zu Beginn der 1980er Jahre kam es zum Aufbau einer gänzlich neuen Sammlung orientalisch-jüdischer Artefakte. Während westliches jüdisches Kunsthandwerk gut in Jüdischen Museen dokumentiert ist, scheint diese Sammlung zu den ganz wenigen in Europa zu gehören, in denen die Erzeugnisse der orientalisch-jüdischen Populärkultur als eigenständiges Sammlungsgebiet anerkannt werden.

Anfang der 1960er Jahre kam durch Ludwig G. A. Zöhrer die erste qualitätvolle und umfangreiche Sammlung aus Afghanistan ins Museum. Die Wiener Afghanistan-Sammlung wurde in den Folgejahren von Alfred Janata, weitgehend in Zusammenarbeit mit seiner Frau Irmgard, ausgebaut. Prominent vertreten sind Gebrauchsgegenstände und textile Erzeugnisse der westafghanischen Chahar Aymaq, Werkzeuge und Erzeugnisse tajikischer Handwerker sowie Alltagsgegenstände der sesshaften und nomadischen Paschtunen in der südöstlichen Provinz Paktya. In den 1970er Jahren wurde mit Hilfe des Kunsthistorikers und Ethnologen Max Klimburg eine kleine Nuristan-Sammlung zusammengestellt. 1977 erwarb der Textilfachmann Wilfried Stanzer für das Museum vor Ort eine Jurte der Zai Reza Firuzkuhi. Während der 1970er und 1980er Jahre gehörten Gegenstände aus der Afghanistan-Sammlung zu den häufig ausgestellten Stücken. Im Jahr 2003 hatte die Sonderausstellung „Afghanistan“ im Museum für Völkerkunde Wien die Geschichte und den besonderen Charakter der Wiener Sammlung zum Inhalt.

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