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Lanze
Basi Wako Tado
Hinweis: Nachfolgender Text stammt aus einem Sammlungskatalog des 19. Jahrhunderts und spiegelt in Sprache und Perspektive teilweise koloniale Denkmuster wider. Wir präsentieren den Text in seiner Originalfassung, um die Sammlungsgeschichte transparent zu machen und eine kritische Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe zu fördern. Bestimmte Begriffe und Formulierungen können heute als problematisch empfunden werden. Ein Forschungsprojekt aus dem Jahr 2009 kam zu dem Schluss, dass die meisten Beschreibungen sachlich korrekt und weiterhin verwendbar sind; lediglich wenige Details erwiesen sich als ungenau oder fehlerhaft. Ergebnisse dieses Projektes wurden in folgendem Bestandskatalog publiziert: khm-wmw-tm-library.on.worldcat.org/oclc/1457155265"56. Lanze - "Bassi wakko tado".Diese Lanze, genannt Stricklanze, wird nur bei den grossen und echt nationalen Hirschjagden auf Süd-Celebes verwendet. Sie ist ein Unicum, das wohl bei keinem anderen Volke angetroffen wird. Der Schaft dieser Jagdlanze ist entweder aus einem zähen, elastischen Holz oder aus Bambusrohr verfertigt. Er ist sehr lang, oft 3 Meter und darüber, dabei peitschenstielartig geformt, mit einem dickeren unteren und einen, dünnen sehr biegsamen oberen Ende. An dem unteren dicken Ende befindet sich die flache oder kantige, lang und schmal geformte, sehr zierliche Lanzenspitze, die nicht gebraucht, in einer einfachen Holzscheide ruht. Am oberen dünnen Ende ist eine federnde Klemme von Horn angebracht, die zangenförmig gebildet ist. Etwa einen Meter unter dieser Hornklemme ist zur Seite des dünnen Schaftes eine zweite Hornklemme angebracht, die bogenförmig, federnd sich an den Schaft anlehnt. In diese beiden Klemmen wird die Schlinge einer elastischen, etwa drei Meter langen Lassoschnur eingeschoben, deren Ende am Kopfzeuge des Pferdes des stets berittenen Jägers befestigt ist. Die Lassoschnur "tado" ist aus einem festen elastischen Bast gedreht, so dass die derart angebrachte Schlinge stets offen bleibt, ähnlich einer Drahtschlinge. Die Hirschjagd ist bei den Buginesen und Makassaren immer und in allen Fällen eine Hetzjagd, reine Parforcejagd, an der sich nur Fürsten, ihre Verwandten, Vornehme oder mit Erlaubnis des Fürsten Häuptlinge und ihre Verwandten betheiligen dürfen, das Volk selber wird nur zum Treiben des Wildes verwendet. Die Fürsten und Vornehmen kennen wohl europäische Schusswaffen, viele besitzen auch kostbare europäische Jagdgewehre, die sie jedoch nur gebrauchen, um Vögel, Enten, Schnepfen oder Wildschweine zu schiessen. Der Hirsch darf nach alten Gesetzen nur von Fürsten und in der nationalen Weise mittelst Stricklanze erlegt werden. Bei den Jagden betheiligen sich entweder nur wenige Jäger, die das Wild im Walde oder im Felde aufsuchen, oder es werden grosse fürstliche Treibjagden veranstaltet, wobei von einigen Hunderten von Treibern und Hunden das Wild aus dem Gehölze auf ein offenes, einer Hetzjagd günstiges Terrain getrieben wird. Die Jäger, deren Zahl bei solchen grossen Treibhetzjagden oft mehrere Hunderte beträgt, bestehen nur aus geladenen Gästen und Verwandten des betreffenden Fürsten, der die Jagd veranstaltet. Eine derartige Jagd gestaltet sich oft zu einem Volksfeste der ganzen Gegend. Es soll hier eine kurze Beschreibung derselben folgen. Tagelang zuvor geschehen die umfassendsten Vorbereitungen, es werden grosse offene Gebäude von Bambus errichtet, wo sich die geladenen Gäste schon tags zuvor versammeln, daselbst übernachten. Das offene Jagdterrain wird mittelst Barrieren umsäumt, damit sich das gehetzte Wild nicht auf einer allzu grossen Fläche ausbreitet. Die Barrieren werden gebildet durch in den Grund geschlagene, etwa meterhohe Holzpflöcke, die mittelst einer intensiv gelbgefärbten Bastschnur verbunden werden‚ und es ist eine sehr interessante, ganz unerklärliche Thatsache [sic!], dass die gehetzten, zu Tode erschreckten Thiere diese einfache leichte Umzäumung niemals durchbrechen, lieber laufen sie in den Tod. Ich sah einen Hirschen, der keinen Ausweg mehr wusste, vor sich nur die gelbe Barriere, der kehrt machte und mitten in den Haufen berittener Jäger rannte. Es scheint, dass die intensiv gelbe Farbe der Bastschnur auf dem dunkelgrünen Hintergrunde im Auge des Thieres [sic!] ein Bild hervorbringt, einen Reiz verursacht ‚ der das zurückschreckt. Schon einige Tage vorher wird das Wild durch Hunderte von Treibern und kleinen Hunden in einem Walde zusammengetrieben und in einem solchen aus Treibern bestehenden Ring eingeschlossen gehalten. Die Treiber, mit Reis, getrocknetem Fisch und etwas Wasser in einer Bambusbüchse verproviantirt [sic!], müssen Tag und Nacht auf ihren Plätzen bleiben, bis das Zeichen zum Trieb gegeben wird. Am Tage der Jagd begiebt sich die Jagdgesellschaft vor Sonnenaufgang auf das Jagdterrain, stellt sich am Saume des Waldes auf, in welchem das Wild von Treibern eingeschlossen sich befindet. Sobald es Licht geworden, beginnen dann die Treiber mit ihren Hunden den Trieb. Bis zu dieser Zeit hat die Gesellschaft noch ein schläfriges Aussehen, die kleinen unscheinbaren Pferde lassen die Köpfe hängen und haben die Augen halb geschlossen; die Jäger hocken auf den Rücken der Pferde und haben die nackten Beine hinaufgezogen, hüllen sich in ihre weiten Cattunröcke "Sarongs" wie in Mäntel ein; auch sie blicken schläfrig, den Betel im Munde, vor sich hin. All die Hunderte von Menschen und Pferde bilden eine bewegungslose Masse, die sich in der Morgendämmerung ganz eigenthümlich [sic!] ausnimmt. Doch plötzlich ertönt aus weiter Ferne Hundegebell, wird immer deutlicher, kommt immer näher; die Pferde eröffnen die Augen, erheben die Köpfe und beginnen ungeduldig mit den Vorderfüssen zu scharren. Der Reiter bindet sich sein Kopftuch fest, dreht sich den Sarong um den Leib und setzt sich zurecht, prüft seine Stricklanze, sowie das primitive Kopfzeug des Pferdes, wirft den Betelballen aus dem Munde. Das Bellen der Hunde kommt immer näher und näher, die früher so schläfrigen Pferde werden derart ungeduldig, dass die ganze Gesellschaft in eine kreisende Bewegung geräth, denn die Pferde sind ebenso leidenschaftliche Jäger als ihre Herren. Dort stehen einige Jäger auf dem Rücken ihrer Pferde und spähen in das Gehölze. Jetzt wird mit einenmal das Durchbrechen des getriebenen Wildes hörbar und nun ist die Zeit der vollen Bereitschaft gekommen, denn schon nach wenigen Secunden bricht die nach vielen Hunderten zählende Heerde mit betäubendem Geräusche aus dem Gehölze auf das freie Terrain hervor. Hierauf entwickelt sich ein Schauspiel so grossartig, so herrlich, dass es wohl nicht beschrieben werden kann. Eine Heerde von vielen Hunderten von Hirschen auf einer grünen lachenden Flur aufgelöst und fliehend, verfolgt von einigen Hundert Reitern, halb nackten braunen Gesellen mit langen fliegenden Haaren, den Kopf mit rothem Kopftuche geziert, die Hüfte mit rothem Sarong umschlungen. Alles beschienen von der glänzenden Sonne, umgeben von den ewig grünen Wäldern und Bergen; ein überwältigendes Bild. Doch man muss wacker mitreiten, sonst ist Alles den Blicken entschwunden, durch Gebüsche und Hügeln gedeckt. Der Reiter setzt dem Thiere so lange nach, bis er so nahe gekommen ist, dass er ihm die offene Schlinge seiner Lanze um den Hals werfen kann. Ist dies erfolgt, dann zieht er die Lanze mit starkem Rucke zurück, wodurch die elastische Schlinge aus den beiden oben beschriebenen Klemmen losfährt. Nun sind Pferd und Hirsch mitsammen durch die Schnur verbunden, da das untere Ende der Schnur, wie erwähnt, am Kopfzeuge des Pferdes befestigt ist. Zur selben Zeit hält der Jäger die Lanze zum Todesstoss bereit. Mit den Zehen seines rechten Fusses befreit er die Lanzenspitze von der hölzernen Scheide. Sobald die Schlinge von der Lanze befreit ist, parirt der Reiter sein Pferd; ein öfter gebrauchtes Jagdpferd thut dies von selbst. Da nun das Pferd stärker ist als der Hirsch, so wird derselbe plötzlich mittelst der Schlinge um den Hals zurückgehalten, letztere fest angezogen und dies in so hohem Grade, dass das zu Tode geängstigte, stets vorwärts strebende Thier [sic!] schon nach wenigen Sprüngen halb erwürgt zusammenstürzt, worauf es vom Reiter mit der Lanze den Gnadenstoss erhält. Bei einer derartigen grossen Hetzjagd werden ganze Haufen von Wild erlegt, welches dann unter die Gäste, das herbeigeströmte Volk und die Treiber vertheilt [sic!] wird. Der Jäger selbst darf kein Fleisch des erlegten Thieres geniessen. Nach der Jagd kehrt man wieder zu den Bambushütten zurück, wo ein grosses Festmahl bereitet wird. Die Hirsche werden an offenem Feuer gebraten, wobei grosse glühende Steine in das ausgeweidete Thier kommen, so dass dasselbe von aussen und innen gebraten wird. Die Eingebornen verstehen es, eine beträchtliche Anzahl von Jagdspeisen zu bereiten, und zeigen sich dabei als grosse Feinschmecker. Der Schaft der vorliegenden Lanze ist von Holz, die Spitze schmal und doppelt gerippt ‚ der Beschlag von Messing."Zitiert aus: Czurda, F. A. J. (1883). Catalog mit Erklärungen der Etnografischen Privatsammlung des Dr. F. A. J. Czurda in Postelberg (Böhmen). (S. 10-14). Wien, Wilhelm Braumüller

Sammler/in:
František A. J. Czurda (1844 Pisek - 1886 Cirebon) DNBarrow_outward
Zugangsdatum:
1883
Objektbezeichnung
Lanze
Kultur
Süd-Sulawesi, Bantaeng
Material/Technik:
Rattan, Eisen, Horn. Strick: Bast; gedreht
Scheide: Holz, Rattan
Bildrecht
Weltmuseum Wien
Sammlungsbereich
Insulares Südostasien
Inv. Nr.
17372



















